Es wirkt mittlerweile doch sehr befremdet und löst in mir eine unangenehme Beklommenheit aus. Um vom gescheiterten Oppositionskurs abzulenken zielt die gesamte SVP nun auf Personen und stellt ein Bild von einer Schweiz in den Raum, wie es realitätsfremder nicht sein könnte!
Tonis Rede vor der SVP-Delegiertenversammlung
Wir kennen den Toni Brunner seit jeher als sprücheklopfenden, erzkonservativen Musterschwiegersohn. Doch am Wochenende hat er sich selbst übertroffen positioniert sich mehr als je zuvor als Grossmaul. In seiner Rede zeichnet er ein Bild der Schweiz, als lebten wir in einer Bananenrepublik, die es nun in letzter Sekunde zu retten gilt. So zählt er zum Beispiel folgendes auf:
- Das Land sei in einem desolaten Zustand…
- Er bezeichnete die Wahl von Widmer Schlumpf ohne jeglichen Rechtsstaatlichen Grund als undemokratisch.
- Er desavouiert die Bundesversammlung als höchste politische Instanz.
- Und ganz nach Lehrbuch seiner Heiligkeit Blocher verhöhnt er selbstverständlichkeit auch die Arbeit der Gerichte
- Der Bundesrat sei jetzt führungs- und orientierungslos.
Was für ein Bild der Schweiz. Steht es so schlecht um unser Land?
Natürlich nicht:
- Die Wirtschaft floriert
- Die Schweiz ist international konkurrenzfähig
- Es gibt kaum Arbeitslose
- Kaum ein Staat verfügt über einen vergleichbaren Wohlstand
- Unser Land trägt Sorge zur Umwelt
- Die Schweizer Städte gehören Weltweit zu den attraktivsten.
- Die Kantone schreiben schwarze Zahlen
- Der Bundesrat ist in keinster Weise führungslos, ganz im Gegenteil: Seit der Oberstänkerer Blocher das Gremium verlassen hat, kommt die Regierung in wichtigen Geschäften wieder zu Entscheiden - ist deblockiert.
- Und die Wahl der Bundesrätin ist eines ganz sicher nicht, undemokratisch. Denn sie wurde in einem demokratischen Vorgang völlig korrekt gewählt. Ausserdem war diese Wahl nichts spektakuläres - man erinnere sich z.B. an Brunner/Dreyfuss etc.
Mit Sorge verfolge ich den Verfall der politischen Kultur. Weder die Verfassung, noch die Bundesversammlung, noch Gerichte scheinen in der SVP-Welt eine Existenzberechtigung zu haben, denn die einzigen Heilsbringer sind die Damen und Herren SVP.
Und die Basis hat am Wochenende den ganzen Käse, den Toni Brunner propagiert, mit frenetischem Applaus gefeiert…
Wenn immer über Sekten gesprochen wird, sagt man, sobald eine Gruppe die absolute Wahrheit für sich beansprucht, seien das gefährliche, totalitäre, sektiererische Züge. Und wenn man ehrlich ist, trifft das bei der SVP schon länger zu.
In ihrer Respektlosigkeit Andersdenkenden gegenüber steigern sich die Propagandaminister der SVP in eine kaputte Scheinwelt hinein. In eine Schweiz ohne Zukunft, wenn nicht dringendst endlich ein Heilsbringer eingesetzt wird.
Zusätzlich zeigt die SVP ihren eigenen Reihen auf, was geschieht, wenn man nicht spurt und das Parteibüchlein Wort für Wort jeden Abend vor der Schweizer Fahne wiederholt. Man wird ausgeschlossen, verhöhnt und an den Pranger gestellt. Personen und ganze Kantonalsektionen kann es treffen, niemand ist sicher.
Die auf sehr persönlicher Schiene gefahrene Hetzkampagne gegen Widmer Schlumpf und die damit verknüpften Drohungen an die Adresse der Kantonalen Partei in Graubünden zeigen doch eindeutig totalitäre Züge, wie sie demokratie-fremder nicht sein könnten.
Nun hat die SVP wieder Sitze gewonnen - in Uri und im Thurgau. Bleibt zu hoffen, dass die Schweizerinnen und Schweizer langsam die Augen öffnen und merken, wem Sie da auf den Leim gehen und bei den nächsten Wahlen diesem unverschämt hetzerischen, ignoranten und realitätsfremden Mob von Demagogen einen Denkzettel verpasst.
Quelle: Tages-Anzeiger